Info
Bandname: Strawbs
Albumname:  Dragonfly

Musikrichtung:  Folk Rock

Erscheinungsjahr:  1970
Label: A&M
Herkunft: England

Website: http://www.strawbsweb.co.uk/

Es entpricht zwar nicht unbedingt dem Rock Genre, aber Folk hat ja zumindest im entfernten Sinn etwas mit Rock zu tun. Heute serviere ich Dragonfly von der englischen Folkband Strawbs aus dem Jahre 1970.

Das Album beginnt mit „The Weary Song“ – eine weinerliche Stimme säuselt einem geschmeidig um die Ohren; Glockenspiele, Maultrommeln, Streicher und seichte Percussion schleichen sich in das Gehör. Das ist zwar ganz klar Geschmacksache, aber man muss die kompositorische Leistung würdigen. Mich beschleicht beim Hören das Gefühl, dass die Jungs um Dave Cousin in meinem Wohnzimmer stehen – das liegt wahrscheinlich an der erdigen Produktion. Der Sound hat was von einem offenen Zelt, ohne billig zu klingen. Meines Erachtens schon jetzt sehr authentisch und wohltuend. Dem lehnt sich auch schon der Titeltrack „Dragonfly“ an und versprüht einen Charme, welcher jede Dorfkneipe zu einem farbigen Tempel sinneserweiternder Rauschzustände verwandeln könnte. Zum gedankenverlorenen Klang gesellt sich recht melancholisch ein Titel mit dem rebellischen Namen „I Turned My Face into the Wind“. Sicherlich einer der stärksten Titel auf dem Album und durchaus symbiotisch klassisch arrangiert mit stürmischen Phrasen wie „the solitude weighed heavy on my mind, as I turned my face into the wind“ sagen mir sehr zu! Eine weitere schwerelose Melodie mit schöner Gesangsrhythmik schiebt sich etwas unauffällig zwischen die Titel – „Josephine (for better or for worse)“

Streicher leiten den nächsten Titel ein, der gut und gerne auch von Popeye dem Seemann gesungen werden könnte. Schunkelmelodie; ohne kitschig zu klingen – aber „Another day“ beinhaltet für mich Leichtigkeit und den Drang nach Freiheit, wie es sich für einen etwaigen Song gehört. Diese Abwechslung macht das Album auch für mich interessant. Aber was wäre ein Album ohne weichgespültem Männerduett, welches gehaltvoll wie ein „Love Me Do“ von den Beatles oder wie ein klebrig süßer Wein daherkommt – die Nullnummer auf diesem Album„`til the Sun Comes Shining Through“ hat leider den Charakter eines vertrocknetem Bovists…

„Young Again“ kommt da gleich wesentlich frischer daher; das ist sicherlich den Percussions zuzuschreiben. Der mehrstimmige Gesang macht hier auch mehr Sinn und wirkt viel ausgereifter. Unter Berücksichtigung des bisher Gehörten, hebt er allerdings nicht sonderlich ab. Die Flöte „jinglet“ dahin und versprüht einen fröhlichen Charakter. Dieser Song erinnert auch etwas an Produktionen der Beatles, etwa um dieselbe Zeit.

„The Vision of the Lady in the Lake“ ist einer der Songs, welche mich von der Gesangsrhythmik her nerven – dabei ist diese doch gut gemeint und gut umgesetzt; ich kann mich nur nicht so recht damit anfreunden, obwohl der Song an sich gut durchstrukturiert ist und eine klassische Folknummer darstellt. Die Entwicklung dieser musikalischen Darbietung kann man im Vergleich zu den restlichen Songs schon schwer progressiv bezeichnen – die Gitarren werden nach der Halbzeit härter und verzerrt, der Gesang wird etwas impulsiver und das Schlagzeug virtuoser. Knappe elf Minuten im Wechselbad der Gefühle geht auch dieser Erguss vorbei und es folgt „Close Your Eyes“ – die Kampfansage an die Monster unterm Bett. Ein Schlaflied, welches vermutlich nicht den Weg auf eine Kinderliedersammlung geschafft hat, aber gut, da waren eben noch 45 Sekunden Zeit, um die Platte abzuschließen.


Die Re-release Version aus dem Jahre 2008 kommt mit vier zusätzlichen Bonustracks, welche den Wert der Platte definitiv nochmals steigern. Kann ich also wärmstens empfehlen und die 5€ kann man ruhig ausgeben ohne arm und enttäuscht zu werden.

Fazit: Es macht auf jeden Fall Sinn die Scheibe differenziert zu betrachten. Typische Höhen und Tiefen während des Hörens sind auch nichts Unnormales, doch es wird schon früh klar, dass hier speziell mit Stimmungen gearbeitet wird, welche nicht „lari-fari“ als Mischung undefinierter Pubertätsgefühlsschwankung abgestempelt werden können – nein – es handelt sich im Nachhinein doch um ein gezielt gefühlsechtes Werk mit blumiger Sprache, erdiger Produktion und guter Auswahl traditioneller Instrumente. Das Songwriting holpert zwar an der einen oder anderen Stelle, die Arrangements stellen sich aber als durchaus hörbare Gesamtkunstwerke heraus. Zum Philosophieren lädt die Scheibe auch ein, somit ist das nebenbei Hören in einer Gruppe zu Empfehlen – die Bewusstseinserweiterung kommt von ganz allein.
Danke fürs Lesen,

Euer Ron


Hörtipps: „The Weary Song“, „I Turned My Face into the Wind“, „Another Day“

Bewertung: 7 von 10 Punkten

Tracklist:
01. Weary Song

02. Dragonfly

03. I Turned My Face Into the Wind

04. Josephine, For Better or Worse
05. Another Day
06. ‘til the Sun Comes Shining Through
07. Young Again
08. The Vision of the Lady in the Lake
09. Close Your Eyes

Bonustracks:

10. We´ll  Meet Again Sometime (Studioversion)

11. Forever

12. Another Day (live BBC)

13. We´ll Meet Again Sometime (live BBC)


Besetzung:
Vocals, Guitars, Piano, Dulcimer, Chinese Piano, Percussion: Dave Cousins
Vocals, Acoustic & Electric Guitars, Tambourine, Percussion:Tony Hooper 

Double Bass: Ron Chesterman

 Cello: Claire Deniz

Gastmusiker
Recorder: Tony Visconti 
Drums: Bjarne Restvold
Piano: Rick Wakeman 
Lead Guitar: Paul Brett