Holland ist ja jetzt nicht gerade bekannt für seine großen Rockbands. Sicher werden ein paar von euch schon von GOLDEN EARRING oder WITHIN TEMPTATION gehört haben, aber mir persönlich sind unsere Nachbarn noch nicht großartig musikalisch aufgefallen. Deshalb wird es Zeit, dass man mal etwas über MY OWN ARMY schreibt. Vor etwas über einem Monat haben diese ihr zweites Studioalbum Too Many Facesveröffentlicht.
 
Der Titelsong beginnt recht melancholisch, was einen aber genau in die generelle Album-Atmosphäre wirft. Gesanglich klingt das Ganze für mich stark nach einem Mix aus Billy Corgan (SMASHING PUMPKINS) und FUNERAL FOR A FRIEND’s Matthew Davies. Trifft wahrscheinlich nicht jeden Geschmack, passt aber definitiv zur musikalischen Grundstimmung. Einziges Manko: die Gitarren klingen zu künstlich und sind mir persönlich zu leise. Da geht einiges an Power verloren. Genau dieses Manko wird bei „Painting by Numbers“ offensichtlich. Grundsätzlich rockt der Song in der Strophe und Bridge ordentlich, macht dabei aber zu wenig Druck. An Melancholie jedenfalls mangelt es auch in diesem Song nicht, was man gerade an den ruhigen Stellen im Mittelteil des Lieds merkt.
 
„…Open End“ ist die bisherig rockigste Nummer auf der Scheibe. Treibend in der Strophe, nicht allzu melancholisch, jedoch wieder mit dem großen Manko Gitarrenklang. Gerade im Intro und der Bridge fehlen mir außerdem an der ein oder anderen Stelle ein paar Palm Mutes, die das Konstrukt noch ein bisschen voranzutreiben könnten. Das Ende hingegen lässt mich doch noch mitnicken. „Onepager“ wiederum ist mir am Anfang viel zu depressiv, was sich auf die gesamte Strophe ausweitet. Immerhin bekommt der Gesang jetzt einen etwas rockigeren Anstrich im Refrain. Und siehe da, im Break gibt es den Beweis, dass die Gitarren doch ganz cool klingen könnten. Schade nur, dass es sich nicht über die gesamte Länge streckt.
 
„The Ad“ beginnt mit einem Intro, das mich stark an METALLICA’s „Orion“ erinnert. Auch hier macht sich durch vertrackte Rhythmen und leicht dissonante Gitarren jedoch wieder viel Depression breit. Irgendwie fehlt mir bisher auf dem Album ein richtiger Rocker, der von vorn bis hinten einfach nur mitzieht, auch wenn „The Ad“ kurze Momente aufweist, bei denen ich mich auch kurz (sehr kurz) beim Mitwippen erwische, aber für meinen Geschmack ist der gesamte Titel viel (sehr viel) zu lang. Kommt mit „Sideshow“ jetzt etwa der ersehnte Rocker? Es deutet sich im Intro an und bestätigt sich zumindest auch in der Strophe. Der Refrain allerdings enttäuscht mich doch, aber zumindest hört sich danach das Strophenriff etwas rockiger an und der Teil danach erinnert mich an die 90er METALLICA, speziell durch die Effekte auf dem Mic gegen Ende. Meiner Meinung nach bisher die beste Nummer auf Too Many Faces.
 
„Friendly Fire“ rockt dann nach FOO FIGHTERS-Manier los und überzeugt mich ebenso wie der Vorgänger im Songwriting. Die Jungs können also doch nicht nur melancholisch-depressiv, sondern auch rockig. Gut zu wissen. Denn mit „Proy“ schließen die Holländer wieder etwas dem alten Albumtrott verfallen Too Many Facesab. Wer gern an verlassene Industriegebäude und Bahnhöfe denkt, wird am Anfang dieses Songs schön in Gedanken versinken können. Mich persönlich erinnert das Ganze stark an I LIKE TRAINS. Nicht mein Ding, weil es mich doch zu sehr runter zieht, auch wenn der Song am Ende nochmal etwas rockiger wird.
 
Fazit: Schade, viel Drive geht durch die schlechte Produktion der Gitarren verloren. Zu leise, zu künstlich; wenn es sich in Richtung FOO FIGHTERS oder METALLICA zu Load/Reload-Zeiten entwickelt hätte (wie es vom Songwriting her spitzenmäßig für „Sideshow“ und „Friendly Fire“ geklappt hätte), wäre ich auch bereit gewesen zwei, drei Punkte mehr zu geben. Mehr „Sideshow“, mehr „Friendly Fire“, mehr Druck auf den Sechssaitern und die nächste Veröffentlichung wird auch mich überzeugen.
 
Hörtipps: „…Open End“, „Sideshow“, „Friendly Fire“
 
Bewertung: 5,5 von 10 Punkten
 
Tracklist:
1. Too Many Faces
2. Painting by Numbers
3. …Open End
4. Onepager
5. The Ad
6. Sideshow
7. Friendly Fire
8. Proy
 
Besetzung
Vocals, Gitarre: Herman de Kok
Gitarre: Vincent Hekkert
Bass: Ferry Westdijk
Schlagzeug: Sven Spierings

Musikrichtung: Alternative Rock
Erscheinungsdatum: 03.04.2014
Label: RVPrecords
Herkunft: Niederlande